Pilgerbericht Ferdinand

Es war Friedhelm, der Präses der Kleinenbroicher St. Matthias Bruderschaft und Diakon und Chorbruder von St. Mauritius und Hl. Geist in Büderich, der mich auf die Pilgerfahrt nach Trier aufmerksam machte und meinte, sie tue mir sicher auch gut. Über ein Jahr zuvor war meine liebe Frau Christa gestorben und ich fühlte mich draußen noch immer wohler als allein zu Hause. Dass ich auch körperlich gut vorbereitet sein müsse für eine solch lange Strecke, wurde am Vorbereitungsabend deutlich ausgesprochen und ich hielt mich daran.
Zunächst mein Erstaunen über den Umfang unserer gesamten Pilgergruppe, angeführt von Maria als amtierender Brudermeisterin und von den Brudermeistern Thomas und Peter begleitet. Und zugleich das Gefühl, zu dieser Gemeinschaft zu gehören, die sich an Christi Himmelfahrt früh-morgens auf den Weg macht.

Messe und Segen am Stein, dann Aufbruch. Der erste. Denn es ist immer wieder ein Aufbruch und Abschied  nicht nur nach jeder Übernachtung am Morgen, sondern auch nach jeder Rast oder Einkehr. Wir folgen dem Pilgerkreuz, geschmückt mit Blumen und frischem Grün. Die Kreuzträgerinnen und -träger wechseln auf Marias Geheiß. Wer das Kreuz trägt, stellt fest: Es ist weniger eine Last als ein Auftrag, der den Träger beflügelt und ihn leicht voraneilen lässt. Wir gehen und beten responsorisch  den Rosenkranz mit zahlreichen Varianten von Fürbitten, wir gehen, wir singen, wir sprechen, erzählen mit dem einen, dem andern, wir halten an, hören die Gedanken zur Meditation, eingebettet in die Jahreslosung: „Ohne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn“. Wir schweigen und im gemeinschaftlichen Gehen und Schweigen schließen meine Gedanken auch meine Familie und meine verstorbene Frau mit ein. Dabei zügig gehen und Schritt halten, die Kraftimpulse spüren für weitere Bewegung.


Unsere Strecke des Pilgerwegs nach Trier war mir zunächst ein Rätsel, als ich versuchte, ihn auf der Karte herauszufinden. Also gebe ich in der Gemeinschaft Verantwortung ab, lasse ich mich führen. Vorn, neben dem Kreuzträger geht nahezu immer Marga, sie kennt jede Wegbiegung in den Dörfern auf Feldwegen oder im Wald. Es geht auf schmalen Pfaden manches Bachtal entlang, an Hängen mit blühenden Schlüsselblumen, Wege durch gelb leuchtende Rapsfelder, durch Wälder im satten Maigrün. Auf den Eifelhöhen bläst uns manchmal ein heftiger Wind entgegen, gelegentlich nässt uns auch ein Schauer, aber wir lassen uns durch nichts aufhalten, um unserm Ziel näher zu kommen.


Dafür sorgt auch unsere Begleitmannschaft. Sie transportiert nicht nur unser Hauptgepäck,  sie steht auch bei drohendem Wetter plötzlich an einer Kreuzung und verteilt Schirme. Vor allem aber versorgt sie uns mit allem, was wir zur Stärkung in den Pausen brauchen: mit Obst, Wasser und schmackhaft belegten Broten. Manchmal stehen für mich unerwartet wie im „Tischlein -deck dich“ Bänke und Tische mit Köstlichkeiten mitten im Wald“ oder im Hof eines Gehöfts. Dort singen wir dann beim Abschied zum Dank „Segne Du Maria…“ Für unser leibliches Wohl ist also immer bestens gesorgt.  


An zahlreichen Wegekreuzen, Kapellen und Marienbildern halten wir inne. So ist unsere Wegstrecke strukturiert nach Zeichen, die noch die Vorfahren setzten und die für uns noch voller Bedeutung sind. Aber auch neuere Gedenkstätten wie die künstlerisch gestaltete Matthias-Stele, wo wir die zurückkehrende Pilgergruppe aus Korschenbroich treffen oder mehrere Matthiassteine  auf der Pilgerstraße bei Weißenseifen hoch über dem Kylltal. An „unserer“ Matthias Gedenkstätte mit Quelle beten wir, und die Neupilger werden mit den Brudermeistern fotografiert. Später in der Kirche von Kordelwerden die Jubilare geehrt, und wir Neupilger werden in die Bruderschaft aufgenommen.
Wir nähern uns unserm Ziel. Den Berg hinauf zur Mariensäule sind wir Neupilger die Vorbeter, dann haben wir die Mariensäule erreicht. Wir treffen auf unsere Gruppe der Buspilger und machen ein gemeinsames Foto. Trier liegt unter uns im Dunst, es ist nasskalt und windig. Ich muss daran denken, dass es 35 Jahre her ist, dass ich zuletzt in Trier war. Mein Vater hatte damals auf einer gemeinsamen Busreise mit meiner Mutter einen Herzinfarkt erlitten und lag für einige Wochen hier im Krankenhaus. -  Ich lasse für ihn und meine Familie eine Messe lesen, was durch Johannes vermittelt wird.


Nach kurzem Weg hinunter ins Tal, dann entlang der Mosel sind wir an unserem Pilgerziel angelangt. Versammlung im großen Innenhof der Abtei, Begrüßung durch Pater Hubert inmitten vieler anderer Pilger, darauf Einzug in die Basilika unter Glockengeläut, „Großer Gott wir loben Dich“. Wir beugen die Knie vor dem marmornen Grab von St. Matthias, die Kreuze, Fahnen und Stäbe stehen  neben dem Grabmal, uns Neupilgern wird von Pater Hubert die Erstpilgermedaille überreicht, es ist sehr feierlich und bewegend.


Am nächsten Morgen Pilgermesse und Weihe der neuen Fahne der Bruderschaft. Beim Auszug aus der Basilika darf ich das Kreuz tragen: Ich bin der einzige, also „jüngste“ Neupilger auf dem Rückweg und zugleich mit 74 auch der älteste Rückpilger. Beim Abschied vor dem Portal meint Pater Hubert lächelnd, da gehöre ich doch eigentlich ins Guinness Buch. So trage ich das Kreuz eine Weile durch die belebte Trierer Innenstadt. Nicht alle können den Rückweg mitmachen, so ist unsere Gruppe ist auf weniger als die Hälfte geschmolzen. Später lassen wir uns ein Stück mir dem Bus die Mosel abwärts bis Piesport transportieren. Dort geht es in der heißen Mittagssonne auf der Straße die Weinberge hinauf. Jeder sucht unterwegs Teile, aus denen sich ein Kreuz binden lässt, das wir dann oben an einer Fatima-Grotte hinter der Spoarkapelle ablegen. Ein wunderbarer Blick von hier oben über das Moselschleife und die Weinberge. Abends in Klausen in der Kirche „Maria Heimsuchung“ eine Marienandacht mit Pilgern aus Adenau. Am nächsten Morgen trage ich zum dritten Mal das Kreuz. Beim Aufstieg zum Bußberg soll ich einige Steine sammeln. Oben angekommen werfe ich sie, beladen mit meinen Sorgen, weit hinter mich hinunter.  


An unserm letzten Tag machen wir am Vormittag eine Rast bei offenem Feuer in einer großen Schutzhütte (Pilz). Es eine kleine, unterhaltsame und durchaus lustige Abschiedsfeier. Dann geht es eine ganze Strecke am Nürburgring entlang im strömenden Regen mitten durch die bizarre Welt der Motorfans. In Adenau werden wir von Bussen abgeholt und Richtung Heimat transportiert, zum Glück, denn inzwischen hat es sich eingeregnet. Vor St. Dionysius empfängt uns Friedhelm und mit ihm viele Gemeindemitglieder, auch ich fühle mich willkommen geheißen. Hier rund um den Altar der Kirche versammelt bringen wir mit dem Pilgerlied unsere Wallfahrt zum Abschluss. Wir danken allen, die für uns Sorge getragen haben.
Ich danke allen, mit denen ich nach Trier gepilgert bin, die mich begleitet haben, die ich begleiten durfte. Nicht die Anstrengung bleibt mir in der Erinnerung, sondern viele schöne Augenblicke, das Erleben von Nähe in der Gemeinschaft und vor allem eine Annäherung an den inneren Frieden, nach dem wir uns immer sehnen. Im weiteren Bemühen darum bitte ich den hl. Matthias „um die Gnade der Beharrlichkeit“.